Arnold Reinthaler
»eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Materialität, Zeit und der Transformation«
Die Arbeiten von Arnold Reinthaler zeichnen sich durch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Materialität, Zeit und der Transformation von alltäglichen Elementen zu künstlerischen Ausdrucksformen aus. Reinthaler nutzt eine breite Palette von Medien – darunter Stein, Holz, Papier, Fotografie und Licht – um seine Werke zu schaffen. Diese Materialien sind nicht nur in ihrer physikalischen Form von Bedeutung, sondern auch in ihrer symbolischen und metaphorischen Funktion. Oft verknüpft er sie mit langwierigen, nahezu meditativen Prozessen, die eine Verbindung zur Zeitlichkeit und zum prozesualen Aspekt der Kunst herstellen.
»a profound examination of materiality, time and transformation«
Arnold Reinthaler’s works are characterized by an in-depth exploration of materiality, time and the transformation of everyday elements into artistic forms of expression. Reinthaler uses a wide range of media – including stone, wood, paper, photography and light – to create his works. These materials are significant not only in their physical form, but also in their symbolic and metaphorical function. He often links them to lengthy, almost meditative processes that create a connection to the temporality and processual aspect of art.

Geboren 1971 in Wels, lebt und arbeitet in Wien. Arnold Reinthaler studierte Bildhauerei an der Kunstuniversität Linz, an der Akademie der bildenden Künste Wien (Diplom bei Bruno Gironcoli) und promovierte mit einer kulturwissenschaftlichen Dissertation bei Thomas Macho (über die Zirkulation des Begriffs „nomadisch” im Kunstkontext).
Reinthaler befragt in seinen Arbeiten Systeme der Zeitmessung und stellt dabei das subjektive Handeln in den Mittelpunkt lang andauernder Arbeitsprozesse, die vorwiegend in Stein, Papier und Lichtmedien übersetzt werden. Er modelliert am Begriff „Zeitlichkeit”, indem er etwa in ein geradezu anachronistisches Medium wie Granit flüchtige Schriftzeichen graviert, oder laufend mit Techniken der selbstvermessung Modelle des „Zeitigens” erprobt.
Born in Wels in 1971, lives and works in Vienna. Arnold Reinthaler studied sculpture at the University of Art and Design Linz and at the Academy of Fine Arts Vienna (diploma under Bruno Gironcoli) and earned his doctorate with a dissertation in cultural studies under Thomas Macho (on the circulation of the term “nomadic” in the context of art).
In his work, Reinthaler questions systems of time measurement, placing subjective action at the center of long-term work processes that are predominantly translated into stone, paper, and light media. He models the concept of “temporality” by, for example, engraving fleeting characters into an almost anachronistic medium such as granite, or by continuously testing models of “temporality” using self-measurement techniques.
Homepage: https://reinthaler.org/
Ein zentrales Merkmal seiner Arbeiten ist die Langsamkeit des künstlerischen Prozesses, der eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Veränderung von Materie und Raum ermöglicht. Besonders in seiner Serie „long time recording“ wird dies deutlich: Hier bearbeitet Reinthaler jedes Jahr eine neue Fläche aus kristallinem Thassos-Marmor, wobei er jedes Werk einmalig und händisch abformt. Diese Vorgehensweise verleiht den Objekten eine einzigartige Qualität, die den Prozess als integralen Bestandteil des Kunstwerks begreifbar macht. Der Marmor, in seiner Kühle und Festigkeit, symbolisiert sowohl Beständigkeit als auch die Unaufhaltsamkeit des Verfalls.
Durch den kontinuierlichen Bearbeitungsprozess und die damit verbundene Rückverwandlung von Materie rückt Reinthaler die Wirkung von Zeit und Transformation in den Fokus. Der Betrachter wird eingeladen, sich auf die langsame Entstehung und die Konditionierung des Materials einzulassen, was zu einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Zyklus von Werden und Vergehen führt. So wird Kunst nicht nur als Endprodukt eines kreativen Akts verstanden, sondern als eine Erfahrung, die die Zeit selbst in ihre Konstruktion einbezieht.
In Reinthalers Arbeiten verschmelzen also Material, Prozess und Zeit zu einer Einheit, die den Betrachter zu einem bewussten und reflektierten Blick auf das Kunstwerk einlädt. Die Werke entfalten ihre Bedeutung oft erst durch eine längere Auseinandersetzung und ein Bewusstsein für die arbeitstechnische und zeitliche Dimension ihrer Entstehung.
A central feature of his work is the slowness of the artistic process, which enables a reflective examination of the changes in material and space. This is particularly evident in his series “long time recording”: Reinthaler works on a new surface of crystalline Thassos marble every year, whereby he molds each work uniquely and by hand. This approach lends the objects a unique quality that makes the process tangible as an integral part of the artwork. The marble, in its coolness and solidity, symbolizes both permanence and the inexorability of decay.
Through the continuous working process and the associated re-transformation of material, Reinthaler focuses on the effect of time and transformation. The viewer is invited to engage with the slow creation and conditioning of the material, which leads to a deeper examination of the cycle of becoming and decay. In this way, art is understood not only as the end product of a creative act, but as an experience that incorporates time itself into its construction.
In Reinthaler’s works, material, process and time merge into a unity that invites the viewer to take a conscious and reflective look at the artwork. The works often only unfold their meaning through a longer examination and an awareness of the technical and temporal dimension of their creation.
Die Arbeiten von Arnold Reinthaler – Zeit, Sprache und Erinnerung als künstlerische Konzepte
Arnold Reinthaler beschäftigt sich in seinen Werken intensiv mit den Themen Zeitlichkeit, Vergänglichkeit, Sprache und Erinnerungskultur. Er nutzt unterschiedliche Medien wie Skulptur, Installation, Gravur und konzeptuelle Kunst, um Fragen nach der Dauer, Veränderlichkeit und Wahrnehmung von Zeit zu erforschen. Seine Arbeiten verbinden oft poetische, kritische und experimentelle Ansätze und regen zum Nachdenken über gesellschaftliche, kulturelle und historische Zusammenhänge an.
Zeit als Material – Die Modellierung von Zeitlichkeit
Ein zentrales Element in Reinthalers Kunst ist die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit und Beständigkeit von Materialien. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies in seinen Granitgravuren, in denen er flüchtige Schriftzeichen oder temporäre Botschaften in eines der dauerhaftesten Materialien einarbeitet. Diese Gegenüberstellung von momenthafter Sprache und zeitloser Materie schafft eine paradoxe Spannung zwischen dem, was vergeht, und dem, was bleibt.
Ein Beispiel für diese künstlerische Strategie ist sein Langzeitprojekt, in dem er Texte in Stein graviert, deren Bedeutung sich im Laufe der Jahre durch Erosion und Kontextverschiebungen verändert. Seine Werke sind häufig als Prozesse über lange Zeiträume hinweg angelegt und reflektieren damit die Veränderlichkeit von Bedeutung und Erinnerung.
Sprache als künstlerisches Werkzeug
Reinthaler nutzt Sprache als zentrales Medium seiner Kunst. Seine Arbeiten spielen mit Textfragmenten, Zitaten und Gravuren, die oft bewusst aus dem Kontext gerissen oder in neue Zusammenhänge gestellt werden. Durch die Wahl von Materialien wie Stein oder Papier schafft er eine physische Verbindung zwischen Sprache und Zeitlichkeit.
Besonders eindrucksvoll sind seine interaktiven Sprachinstallationen, die den Betrachter dazu anregen, sich mit den gezeigten Worten aktiv auseinanderzusetzen. Dabei geht es nicht nur um die Bedeutung der Sprache, sondern auch um ihre Materialität, ihre Veränderung und ihre Flüchtigkeit im gesellschaftlichen Gedächtnis.
Erinnerungskultur und nationale Identität
Ein weiteres zentrales Thema in Reinthalers Arbeiten ist die Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und Identität, insbesondere in Bezug auf Österreich. In seiner Ausstellung „Ich bin ein Kind aus Österreich“ (2022) thematisierte er die Erinnerungspolitik und den Umgang mit nationaler Geschichte. Seine Arbeiten hinterfragen kritisch, wie Geschichte erzählt, vermittelt und verändert wird.
Ein bemerkenswertes Beispiel ist seine Serie von „Dichtersteinen“, die ursprünglich als Teil einer literarischen Gedenkkultur konzipiert waren, später aber entwendet wurden. Diese Werke werfen Fragen nach dem kollektiven Gedächtnis, dem Verschwinden von historischen Spuren und der Manipulation von Erinnerungen auf.
Interdisziplinäre Ansätze und wissenschaftliche Reflexion
Reinthaler verbindet seine künstlerische Praxis mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Neben seiner Tätigkeit als Künstler promovierte er in Kulturwissenschaften und untersuchte die Verwendung des Begriffs „nomadisch“ in der Kunst. Dieser theoretische Hintergrund fließt in seine Arbeiten ein, die oft philosophische und soziologische Konzepte reflektieren.
Seine Werke wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, darunter „Buchstäblich Bildlich“ (2021) und „Troubling Titles“ (2020). Sie fordern den Betrachter dazu auf, die eigene Wahrnehmung von Zeit, Sprache und Erinnerung zu hinterfragen und sich mit den unsichtbaren Strukturen auseinanderzusetzen, die unser Denken und unsere Gesellschaft prägen.
Fazit
Arnold Reinthaler verbindet in seiner Kunst philosophische Tiefe mit handwerklicher Präzision und konzeptioneller Schärfe. Seine Arbeiten sind oft auf lange Zeiträume angelegt und beschäftigen sich mit der Spannung zwischen Beständigkeit und Vergänglichkeit, Sprache und Materie, Geschichte und Erinnerung. Indem er Sprache in Stein graviert, poetische Konzepte in physische Form bringt und nationale Identitätsfragen hinterfragt, schafft er eine Kunst, die nicht nur visuell, sondern auch intellektuell herausfordert.
The works of Arnold Reinthaler – time, language and memory as artistic concepts
In his works, Arnold Reinthaler deals intensively with the themes of temporality, transience, language and the culture of remembrance. He uses various media such as sculpture, installation, engraving and conceptual art to explore questions about the duration, changeability and perception of time. His works often combine poetic, critical and experimental approaches and encourage reflection on social, cultural and historical contexts.
Time as material – the modeling of temporality
A central element in Reinthaler’s art is the examination of the transience and permanence of materials. This is particularly impressive in his granite engravings, in which he incorporates fleeting characters or temporary messages into one of the most durable materials. This juxtaposition of momentary language and timeless material creates a paradoxical tension between that which fades and that which remains.
One example of this artistic strategy is his long-term project in which he engraves texts in stone, the meaning of which changes over the years through erosion and shifts in context. His works are often designed as processes over long periods of time and thus reflect the mutability of meaning and memory.
Language as an artistic tool
Reinthaler uses language as the central medium of his art. His works play with text fragments, quotations and engravings, which are often deliberately taken out of context or placed in new contexts. By choosing materials such as stone or paper, he creates a physical connection between language and temporality.
His interactive language installations are particularly impressive, encouraging the viewer to actively engage with the words on display. This is not only about the meaning of language, but also about its materiality, its change and its fleetingness in social memory.
Culture of remembrance and national identity
Another central theme in Reinthaler’s work is the examination of the culture of remembrance and identity, particularly in relation to Austria. In his exhibition “Ich bin ein Kind aus Österreich” (2022), he addressed the politics of remembrance and how national history is dealt with. His works critically question how history is told, conveyed and changed.
One notable example is his series of “Dichtersteinen”, which were originally conceived as part of a literary culture of remembrance, but were later stolen. These works raise questions about collective memory, the disappearance of historical traces and the manipulation of memories.
Interdisciplinary approaches and scientific reflection
Reinthaler combines his artistic practice with an academic approach. In addition to his work as an artist, he completed a doctorate in cultural studies and investigated the use of the term “nomadic” in art. This theoretical background informs his works, which often reflect philosophical and sociological concepts.
His works have been shown in numerous exhibitions, including “Buchstäblich Bildlich” (2021) and “Troubling Titles” (2020). They challenge the viewer to question their own perception of time, language and memory and to engage with the invisible structures that shape our thinking and our society.
Conclusion
In his art, Arnold Reinthaler combines philosophical depth with technical precision and conceptual acuity. His works are often designed for long periods of time and deal with the tension between permanence and transience, language and matter, history and memory. By engraving language in stone, translating poetic concepts into physical form and questioning national identities, he creates art that is not only visually but also intellectually challenging.